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Intentionsdialog


Der Dialog mit den eigenen Emotionen, Gedanken und Gefühlen

Wir werden alle mit der Fähigkeit geboren zu wissen, wie wir uns jeweils fühlen. Schmerzhafte Erfahrungen in der Kindheit bzw. im Leben führen oft dazu , dass das Vertrauen in den Körper und die über ihn wahrgenommenen Emotionen verloren geht (Cornell 2017, S. 16).

 

Im Intentionsdialog bauen wir diese Beziehung mit dem Körper und den Emotionen wieder auf: Wir lernen

  • uns anzunehmen, wie wir gerade sind und was uns gerade ausmacht,
  • herauszufinden, was wir wirklich wirklich wollen
  • und für die dabei ausgelösten Emotionen und der werden wollenden Zukunft einen Daseinsraum zu eröffnen.

Wie funktioniert ein Intentionsdialog?

In der Regel führen den Intentionsdialog LehrerIn und SchülerIn miteinander. Er ist so gestaltet, dass der/die LehrerIn dem/der SchülerIn Fragen stellt - worauf der/die SchülerIn mit dem eigenen Körper in Beziehung tritt und mehr intuitiv als rational auf Fragen antwortet.

 

Der Intentionsdialog ist folgendermaßen aufgebaut - und kann die vier Frage-Ebenen durchlaufen:

 

1) Wie geht es dir?

Die SchülerInnen finden für sich (selbstständig) heraus, was sie gerade bewegt, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und können für sich vielleicht schon Bedürfnisse artikulieren, die in Zusammenhang mit der Frage stehen.

 

Die Frage führt dazu, dass SchülerInnen mit sich selbst - dem eigenen Körper, den eigenen Emotionen und Bedürfnissen präsent werden.

 

2) Was möchtest du?

Diese Frage führt dazu, dass der Fokus der SchülerInnen

  • ausgehend von dem was ist,
  • präsent wird mit, Antwortmöglichkeiten der Frage, was sie eigentlich möchten.

Die SchülerInnen finden intuitiv heraus, welche Bedürfnisse "präsent" sind und richten ihren Fokus auf die möglichen Antworten. Der/die LehrerIn verfolgt dabei gemeinsam mit dem/der SchülerIn das Ziel eine oder mehrere Antworten in Form einer Intention zu formulieren.

 

Die sprachliche Ausformulierung der Intention könnte dann folgendermaßen lauten: "Ich möchte Klarheit darüber, was mich gerade bewegt." oder "Ich habe die Absicht, meine Ziele mit Freude zu erreichen." oder "Ich möchte herausfinden, was Vertrauen eigentlich bedeutet."

 

3) Was wird präsent?

Nachdem der/die SchülerIn die Intention formuliert hat, schickt er/sie diese im Gedanken symbolisch an das "Universum" ab. Desto liebevoller, stärker und klarer die Intention ausgesprochen wird, desto wirkungsvoller wird der folgende Prozess.

 

Zwei mögliche Erfahrungsräume (A oder B) werden präsent:

A) Ein Gefühl, das sich gut anfühlt - liebevoll ist - und der Ausdruck von Hoffnung, Zuversicht und Freude ist. Auch können Ideen und Gedanken, die im Zusammenhang mit der formulierten Intention stehen präsent werden: Lösungen, Erkenntnisse oder weitere Bedürfnisse werden sichtbar. Ideen und Gedanken werden in Freude, Liebe,... erlebt.

 

B) Emotionen, Gedanken, Bilder und Gefühle, die Ausdruck dessen sind, wo sich der/die SchülerIn - im Zusammenhang mit der formulierten Intention - selbst im Weg steht. Die SchülerInnen sind mit ihrer Vergangenheit (Prägungen, Erfahrungen, Glaubenssätze etc.) konfrontiert.

 

4) Hast du Erlaubnis dafür?

Das ist die entscheidende Frage, die sich die SchülerInnen letztendlich stellen müssen: "Habe ich Erlaubnis dafür, dass ich...

  • dieses oder jenes möchte."
    Wenn ja, kann den eigenen Bedürfnissen ein Daseinsrum eröffnet werden.
  • die Dinge auf jene Weise wahrnehme."
    Wenn ja, kann der eigenen Wahrnehmung wertfrei ein Daseinsrum eröffnet werden.
  • etwas auf eine konkrete Weise verändern möchte."
    Wenn ja, kann der Erkenntnis ein Daseinsrum eröffnet werden. Erkennen bedeutet dann auch Tun.

Jedoch können die SchülerInnen (wie oben beschrieben) auch mit ihrer Vergangenheit - den der Intention widersprechenden Prägungen, Erfahrungen, Glaubenssätzen etc. konfrontiert sein. Sie drücken sich

  • unmittelbar durch Emotionen,
  • dann durch Körperempfindungen
  • und, wenn durch das Bewusstsein interpretiert, über Gedanken, Bilder und Gefühle

aus. In jenen Fällen können sich die SchülerInnen die Frage stellen: "Habe ich Erlaubnis dafür, dass ich...

  • jene Emotionen (Freude, Angst, Wut, Trauer) und Körperempfindungen (Verspannungen, Unwohlsein im Bauch, Kopfweh) wahrnehme?"
    Wenn ja, kann dem Körper ein Daseinsraum eröffnet werden. Vertrauen in den Körper und die über ihn wahrgenommenen Emotionen kann entstehen.
  • diese Gedanken (sind oftmals selbstverurteilend, zweifelnd und stehen im Zusammenhang mit alten Glaubenssätzen) und Bilder wahrnehme?"
    Wenn ja, kann dem Denken ein Daseinsraum eröffnet werden. Ein konstruktiver Umgang  mit den eigenen Gedanken und Bildern wird möglich.
  • meine (von den Gedanken und Bildern erzeugten) Gefühle?"
    Wenn ja, kann den Gefühlen ein Daseinsraum eröffnet werden: Verantwortung für die eigenen Gefühle wird übernommen.

SChwierikeiten und Lösung

Für die SchülerInnen ist der durch den Intentionsdialog gestaltete Prozess anfangs oft undurchsichtig. Der/die LehrerIn übernimmt deshalb die Verantwortung mit dem/der SchülerIn gemeinsam präsent zu bleiben: SchülerIn und LehrerIn erleben die Intention - und das von der Intention Ausgelöste - bis sich der Intentionsdialog "rund" anfühlt.

 

Gelingt es den SchülerInnen so,

  • mit der Gegenwart präsent zu werden (1)
  • ausgehend von den Bedürfnissen eine Intention zu formulieren (2)
  • und mit dem von der Intention Ausgelöstem präsent zu sein (3 und 4)

gestaltet sich nachhaltig Veränderung: Schmerzhafte Erfahrungen können aufgearbeitet werden, dass Vertrauen in den eigenen Körper nimmt zu, ein liebevoller Umgang mit den eigenen Emotionen kann gefunden werden.

 

Der Intentionsdialog ist eine mit der Sprache oder (mit Übung) mit den Gedanken gestaltete Form der Meditation, die ein reifes Verständnis von "Annehmen lernen" zum Ziel hat. Durch die Intention bekommt der Intentionsdialog eine Richtung.

 

Den SchülerInnen gelingt dabei mit der Unterstützung der LehrerInnen ein nachhaltiger geistiger und sprachlicher Umgang mit sich selber - wo (dann auch) umfassend die Beziehungen mit dem Körper, den eigenen Gedanken bzw. dem eigenen Geist und im weiteren Sinn das Potential des sprachlichen Miteinanders verändert werden. Mit Übung können dann die SchülerInnen mit sich selbst und ihren Mitmenschen (MitschülerInnen, Eltern, FreundInnen,...) Intentionsdialoge führen - und bewusst-nachhaltig Entwicklung gestalten.

 

Anmerkungen

Den Intentionsdialog vermittle ich an der Schule des Lebens Österreich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Er ist eine Methode, um unsere Beziehung zu uns selbst und unser Miteinander liebevoller zu gestalten: Es entsteht Orientierung, Perspektive und Ausgeglichenheit.

 

Der Intentionsdialog hat den Ursprung im "Focusing" - eine  Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme -, wurde von Eugene T. Gendlin entwickelt und u.a. von mir weiterentickelt.


Literatur:

 

Cornell, A. W. (2017) Focusing - Der Stimme des Körpers folgen. Reinbeck bei Hamburg: Rohwolt Taschenbuch Verlag.

 

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