Die Schwelle der Angst - Aus der Kirche austreten

Die Schwelle der Angst

Aus der Kirche austreten

 

 

Emotionen stammen aus nicht verarbeiteten Lebenserfahrungen - und können als fühlbare Bewertungen des unbewussten Teils der Psyche - in Form von Traumatisierungen, Prägungen, Glaubenssätzen und versteiften Vorstellungen - das Leben bestimmen. Das unbedachte oder unbemerkte Ausleben von Emotionen lassen diese Traumatisierungen, Prägungen, Glaubenssätze und versteiften Vorstellungen fortbestehen.

 

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D. ist gläubig und besucht regelmäßig Gottesdienste in der Kirche. Und an jedem Tag betet sie. Eine Stunde lang. Auf den Knien. Vor ihrem Altar in ihrer Wohnung. Auf dem kalten Fließboden. Sie spricht davon, sich noch einmal taufen lassen zu wollen. Von den Zeugen Jehovas. In einem Stadion. Das erlebte ich mit ihr. Das erzählte sie mir. Als ich sie (wieder einmal) in Wien besuchte.

 

Am nächsten Morgen besuchen wir einen Gottesdienst im Wiener Stephansdom. Ich will fühlen und verstehen, was D. so sehr bewegt. Ich sitze auf der Bank neben ihr. Sehe den Pfarrer. Höre zu. Die Geschichte die der Pfarrer erzählt, kenne ich. Aus dem Religionsunterricht und den wenigen Gottesdiensten, die ich in meiner Kindheit besuchte. Wo Jesus das Brot bricht und erzählt, dass alle davon satt werden.

 

Ich bin uneins. Kann das, was ich sehe und höre, nicht mit mir in Zusammenhang bringen: Die Kirche, der Pfarrer, die Geschichte des Pfarrers von Jesus. Jesus, der an das Kreuz genagelt neben dem Altar hängt. Die Kirche. Diese Form der Wirklichkeit. Durch die sich die Welt und der Kosmos für mich nicht erschließen. Und ich mich mir selbst gegenüber nicht erschließe. Im Gesehenen und Gehörten. In der Kirche, beim Pfarrer, in der Geschichte des Pfarrers. Bin getrennt. Nicht glücklich.

 

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Meditation befähigt Menschen dazu, Emotionen wahrzunehmen, zu fühlen und anzunehmen. Wodurch Ängste, Wut und Trauer das Leben nicht beeinflussen. Und der Mensch eine echte Wahl hat: Zwischen dem Fortsetzen einer Vergangenheit, die sich über Ängste, Wut und Traurigkeit über die Gegenwart in die Zukunft drängt. Oder dieser echten Gegenwart, wo das Glück innewohnt. Und ein glücklicher Mensch mit einem Schmunzeln in die Vergangenheit zurückblickt. Glücklich in der Gegenwart lebt. Und sich glücklich der Zukunft anvertraut.

 

Glückliche Menschen sind mutig. Und gehen dabei neue Wege. In das für sie Unbekannte. Fernab von Traumatisierungen, Prägungen, Glaubenssätzen und versteiften Vorstellungen. Diese Einsicht wächst mit jedem Moment des Meditierens zu einem "Commitment" - eine Hingabe, Verpflichtung, Engagement und Einsatz für mehr: Ein authentisches Leben.

 

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Auf dem Weg Heim, von Wien nach Graz, entscheide ich mich, von der Kirche auszutreten. Der Römisch-Katholischen. Ich bemerke, dass ich Angst habe, weil ich nicht weiß, was dann - nach dem Austritt aus der Kirche mit mir passieren wird: Werde ich dadurch etwas Schlimmes erleben? Werde ich womöglich keinen Job bekommen, wenn ich mich bei kirchennahen Einrichtungen bewerbe? Bringe ich mich und meine Seele dadurch in Gefahr?

 

 

 

In der Begegnung mit dem Unbekannten

sind Emotionen

Angst, Wut, Trauer und Freude

fühlbar

Begleiter.

 

Ungenutzte Schwellen

in meiner selbstbestimmten Zukunft.

 

 

 

Angst ist der einzige Grund, warum ich nicht aus der Kirche austreten würde, realisiere ich. Ich bin paff und halte lange inne, um mich davon aufmerksam zu machen. Lange. Ich entscheide mich dafür, dass nicht die Angst bestimmen darf, sondern vielmehr ich die Entscheidungen - meine Entscheidungen - treffen will. Und atme tief durch. Fühle die Angst. Es ist einfach. Auf dem Weg in das Unbekannte. Das Formular liegt vor mir. Ich unterschreibe.

 

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Mit Meditation lernte ich nach und nach, mit meinen Emotionen umzugehen - sie anzunehmen. Es gelang mir immer besser, dass sie mich nicht lenkten und Entscheidungen mittrugen. Ich lernte selber zu entscheiden und mich dabei fernab von Angst, Wut und Trauer wiederzufinden.

 

Bei ähnlichen Zusammenhängen erzähle ich gerne, dass Angst, Wut und Trauer „Illusionen“ seien. Sie sind nicht Teil einer Welt, die wir betreten, wenn wir herausfinden (wollen), wer bzw. was wir wirklich sind und sein möchten.

 

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Nach dem Formalakt - dem aus der Kirche austreten - empfinde ich mich (fast) als der gleiche Mensch wie zuvor: Mit einem unbedeutenden Teil von mir weniger, den ich (emotional) festgehalten hatte. So lange bis ich einfach losließ. Und mutig war. Ein Stück mehr liebte. Und mir klar wurde, dass das eingetragene religiöse Bekenntnis mich als Person nicht definiert. Religion ist nicht die Grundlage meines Seins.

 

Wie schön ist doch der Satz, der aus dem Mund meines spiritueller Lehrers stammt:

 

 

 

„The ultimate unknown is yourself.”

 

 

 

 

 

 

Aus dem Buch

Newborn - Mein Sprung ins Leben

von Markus Messerschmidt

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