Entdeckungen im Unbewussten - Krieg

Entdeckungen im Unbewussten

Krieg

 

Für Meditierende ist der Körper das Tor zu ihrer inneren Welt. Diese innere Welt ist so groß, wie ein Kontinent. So groß, dass Meditierende für das Bereisen dieser Welt - dieses Kontinents - viele Leben verwenden. Können. Um ihr wahres Selbst zu entdecken.

 

Auf dem Weg zum Selbst begegnen sie ihrem Unbewussten - etwas, das Carl Gustav Jung das persönlich Unbewusste und kollektiv Unbewusste nennt: Dem in der Vergangenheit Verdrängten. Dem in der Geschichte des Menschen und Kosmos sich ereigneten. Und den Ereignissen einer werden wollenden Zukunft. Sie sind unterdrückte, nicht bewusste und/oder Unbekannte Inhalte der Psyche, die das Potential für den Menschen in sich tragen, sie und die Welt nachhaltig zu verändern.

 

Meditierende haben sich zur Aufgabe gemacht, diesen Inhalten bewusst zu begegnen. Indem sie ihren Körper wahrnehmen, fühlen. Und zulassen, dass das dabei - auf dieser Reise in ihre innere Welt - entdeckte, sich durch sie ausdrückt und verändert.

 

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Mit D. treffe ich mich in Wien. Wir gehen durch den Schlosspark von Schönbrunn. Am Hügel vor der Gloriette setzten wir uns ins Gras. Schauen den Hügel hinunter - mit Ausblick Wien. Am Weg zurück, durch die Torbögen hindurch, sehe ich eine Drohne in der Luft.

 

An diesem Wochenende experimentierten D. und ich mit einer speziellen Form der Meditation. Benützten unsere Körper, um unsere innere Welt zu bereisen - diesen Kontinent. Set und Setting der Meditation waren wie folgt:

 

Meine Absicht war es, aus dem Herzen zu sprechen. Also auf eine Stelle links der Brust zu meditieren, um dann auszusprechen, was mir intuitiv in den Sinn kommt. D. ist dabei mein “Backup-System”. Sie fühlt mit mir mit - und sie fühlt ihren Körper. Achtet auf Empfindungen in ihrem Körper. Löst das von mir Gesagte ein leichtes Gefühl oder Kribbeln in der Herzgegend aus, wissen wir, dass das von mir gesagte authentisch und wahr ist. Löst das Gesagte ein Drücken oder sogar Schmerzen an einer Stelle im Körper aus, liege ich mit dem was ich sage daneben.

 

Das war unser Experiment über das Wochenende. Es war aufregend. Neu. Und wurde super intensiv. Am Weg zurück, durch die Torbögen von Schönbrunn hindurch, sehe ich diese Drohne durch die Luft fliegen. Fühle mein Herz. Sage, dass mich die Drohne an Krieg erinnert. Dass damit jetzt in Afrika Menschen umgebracht werden und kaum jemand davon weiß. Und mir wird bewusst, dass Drohnen irgendwann auch einmal gegen uns eingesetzt werden. Können. D. nimmt kein Drücken, keinen Schmerz in ihrem Körper wahr. Sondern ein klares Gefühl in ihrem Herz.

 

Plötzlich wird mein Unbewusstes lebendig - es steigt so viel Trauer in mir auf, dass ich D. bitte, stehen zu bleiben. Ich vergrabe mein Gesicht in ihrem Nacken. Weine vor Schmerz - und um den Schmerz „loszuwerden“, sage ich ihr, dass es Krieg geben wird. Hier. In Wien, Österreich, Europa. Wieder ein klares Gefühl in der Herzgegend.

 

Der Schmerz wird durch das Gesagte ein wenig leichter. Ich fühle mich ein wenig mehr befreit. Gleich danach wird es wieder schlimmer. Ich sehe ein Bild. Vor meinem geistigen Auge: Eine Straße. Ein Hochhaus. Dunkelheit. Zerstörung. Ein leeres verkohltes Auto. Fühle Hoffnungslosigkeit, Blut und ein sonderbares Nichts. In diesem Moment weiß ich, was Krieg ist. Nehme den Krieg in mir und mit meinem Bewusstsein wahr. Fühle ihn. Eine werden wollende Zukunft?

 

Der Schmerz ebbt nicht ab. Drückt. Will gesehen, gefühlt und erkannt werden. Ist unbarmherzig. Will in die Sprache geboren werden. Ich sehe D. in die Augen. Und bekennend muss ich ihr sagen, dass ich diesen Krieg auslösen werde. Wieder ein klares Gefühl in Cs. Herz, kein Drücken, keine körperlichen Schmerzen. Trauer und Angst überrollen mich. Und noch mehr. All das unter den Leuten, die von all dem nichts mitbekommen.

 

In mir - vor meinem geistigen Auge - sehe ich weitere Bilder. In der Vision: Eine Reiterei. Krieger*Innen in Körperpanzer gehüllt. Mit Lanzen. In Reih und Glied. Ich in der Mitte und an der Spitze. Krieger*Innen, die mir folgen und ihrem eigenen Herzen folgen. Unter den Hufen der Pferde bebt die Erde. Die Luft. In der Welt. Muss alles weichen, was sich in den Weg stellt.

 

 

 

Der Kontinent des Unbewussten ist

in mir

lebendig geworden.

 

 

 

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Ich musste lernen, mir, diesen Bildern, dieser Vision einen Platz zu geben. Und brauchte viele Monate bzw. Jahre, um die aus der Meditation stammende Erfahrung zu integrieren. Verstehen konnte ich nur zaghaft, weil ich die Botschaft als absolut sowie für mich und andere als unvorteilhaft wahrnahm: Krieg. Ich, der den Krieg auslösen wird. Ihn sogar anführt. Gemeinsam mit anderen Menschen. Krieger*Innen. Unserem Herzen folgend.

 

Meiner Freundin erzählte ich, was ich in der Meditation mit D. erlebte. Meine Freundin hatte Angst vor dem was ich sagte - wollte dem Mann, dem Menschen, der ihr davon erzählte keinen Platz geben - sie meinte nur etwa: „Was machst du da mit D. in Wien? Das ist echt heftig!” Ihre Reaktion erschreckte mich. Und ich empfand Scham: Angst und ich machte mich für das in der Meditation erfahrene falsch. 

 

Meiner spirituellen Lehrerin erzählte ich auch davon. Sie packte mich an meinen Schultern. Schüttelte mich. Sie gab mir eine Ohrfeige. Ich war geschockt. Sie sagte, dass der Krieg vorbei sei. Dass ich nicht im Krieg sei. Dass eine Welt ohne Krieg entstehe. Wo der Krieg in Frieden gelassen wird.

 

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Ich sollte noch viele weitere Bilder in meinem Leben sehen. Visionen haben. Die Erfahrungen aus dem Leben und der Meditation lernte ich allmählich wirklich anzunehmen: Mit Mitgefühl und Liebe - mir gegenüber. Basierend auf einer Haltung - einer Sichtweise, die bedingungslos „Ja“ sagt. Zu dem Wahrgenommenen und Erlebten. Den Bildern. Den Visionen. Der Vergangenheit. Wo durch das Annehmen - die Kraft des „Ja“-Sagens - Frieden entsteht. Mit der Möglichkeit, dass alles anders kommen kann und ich der Gestalter meines eigenen von mir gewählten Schicksals bin.

 

 

 

Aus dem Buch

Newborn - Mein Sprung ins Leben

von Markus Messerschmidt

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