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Der Kuss in mein Leben

Der Kuss in mein Leben

Ich möchte ich sein!

 

Ich saß meiner spirituellen Lehrerin gegenüber.

 

In ihrem Bett. Sie wohnte in einem Dachbodenzimmer. Am anderen Ende der Stadt. An diesem Abend war das Dachbodenzimmer geschmückt mit Kerzen, Tüchern, Pölster. Schnüre waren gespannt: behangen mit Federn und herunterhängenden kleinen Holzstücken.

 

In einem Raum: zum Ruhen, Ankommen und Verbundensein. Das Bild von Babaji auf einem kleinen Altar. Davor ein Teelicht. Heiligkeit. Wärme. Ich fragte wer das sei: Androgyne Züge - die Person am Foto war weder nur Mann oder Frau. Meine spirituelle Lehrerin antwortete - war dabei unsicher und verletzt. Diese Frage hatte auch schon andere gestellt. Und die Heiligkeit nicht verstanden, die sie mit Babaji verband.

 

An diesem Abend habe ich beschlossen, die Nacht mit meiner spirituellen Lehrerin zu verbringen. Vieles war neu für mich. Ich mochte sie sehr. War ein bisschen in sie verliebt. Sie war blond hübsch und ein paar Jahre älter als ich. Wir redeten und freuten uns an unserem Miteinander. Ich war aufgeregt. Und da küsste ich sie. Es war der Kuss in mein Leben.

 

-

 

Da war also dieser Kuss. Auf ihre rechte Backe. Sie schaute mich an - und ernst gemeint fragte sie mich dann: „Warum hast du das gemacht?”

 

Ohne darüber nachzudenken, sagte ich ihr intuitiv die wenigen Worte: „Weil ich das so gelernt habe, dass sich das so gut anfühlt.”

 

 

 

In diesem Moment des Kusses.

 

Wurde.

 

War mir klar,

dass ich nicht dieses Ich war,

dass das einmal gelernt hatte.

 

Ich war jemand anderer.

Etwas anderes.

 

Jemand, der sie vermutlich nicht geküsst hätte.

Oder doch,

oder vielleicht anders?

Ich schämte mich.

 

 

 

In diesem Moment des Kusses. War mir klar, dass es mich als jemand bzw. etwas gab, den bzw. das ich kennenlernen konnte. Eine intuitive Einsicht, die so tief in mir wirkte, dass sie zu meiner Vernunft wurde. Und ein Wille daraus entsprang. Dieser jemand bzw. dieses etwas zu werden. Zu sein. In diesem Moment des Kusses öffnete sich die „Tür“ meines Lebens ins Unbekannte. Und ich ging ohne zu zögern hindurch.

 

 

 

Der Entschluss und die Absicht mir zu begegnen.

 

Ich möchte mehr sein.

Ich möchte ich sein!

Mich,

mein Selbst,

kennenlernen.

 

Fernab von dem,

was ich in diesem Moment

über mich wusste,

bereits erlernt hatte.

 

Angst.

Konfrontiert mit meiner Unvollkommenheit.

 

Mir zu begegnen.

Das war meine klare und starke Absicht.

Ein Entschluss.

 

 

 

-

 

Durch diesen Kuss war ich ein Mann geworden, der sich erleben - authentisch - seinen Mitmenschen begegnen wollte. Lernen wollte zu Fühlen. Beim Küssen, Sex, mit Frauen. Im Leben. Dass dies ein längerer Weg werden sollte, war mir im Moment des Entschlusses - ich sein zu wollen - klar. Trotzdem ging ich ohne zu zögern die Tür hinaus. Ins Unbekannte. Ich machte mich gefasst. Ich möchte ich sein!

 

 

 

Ich beobachte mich.

 

Mein Denken,

Tun.

 

Manches,

vieles

beruht auf blindlings Gelerntem: Übernommenem, Konditioniertem.

 

Und erinnere mich

an meinen Kuss ins Leben

und dem Entschluss,

mich kennenzulernen.

 

Eine Begegnung mit dem Unbekannten,

(oftmals) fernab von dem, was ich schon weiß und gelernt habe.

 

 

 

-

 

Im Laufe der Zeit: Mit viel Übung, Geduld und Mut lernte ich, dem Unbekannten einen sinnvollen Platz in meinem Leben zu geben. Meine Auseinandersetzung mit dem Unbekannten wurde zu meiner immer greifbaren Möglichkeit, aus der Welt, die ich kenne, hinauszuschreiten. Um der zu werden, der ich noch nicht bin. Um der zu sein, der ich von Herzen sein möchte.

 

 

 

Aus dem Buch

Newborn - Mein Sprung ins Leben

von Markus Messerschmidt

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